Entwicklung der Neuropsychologie

Die Entwicklung der Klinischen Neuropsychologie über die letzten einhundert Jahre wurde markiert von wichtigen wissenschaftlichen Leistungen und herausragenden Persönlichkeiten auch in Österreich, sowie von politischen Entwicklungen im Weltgeschehen. Zu den ersteren Einflüssen gehören beispielsweise die neurowissenschaftlichen Entdeckungen im Bereich der Hirnforschung sowie die Entdeckung der experimentellen und differentiellen Psychologie gegen Ende des 19. Jahrhunderts, die gerade in Österreich die psychologische Wissenschaft bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt massiv mitbeeinflusste. Zu den letzteren gehören vor allem die beiden Weltkriege sowie die Kriege im Südostasiatischen Raum: Die diagnostischen und therapeutischen Ansätze zur Untersuchung und Behandlung der Hirnverletzten dieser Kriege schufen das Fundament der heutigen Klinischen Neuropsychologie.

Die Eigenständigkeit der Klinischen Neuropsychologie als Wissenschaft und Beruf wird von den Disziplinen, die an der Entstehung beteiligt waren, noch mit gemischten Gefühlen betrachtet. Die Suche nach den Wurzeln dieses Fachgebietes gerät daher auch schnell in Gefahr, Eigentumsansprüche einzelner Berufsgruppen innerhalb, zunehmend aber auch außerhalb der Psychologie, zu legitimieren.

Im deutschsprachigen Raum setzte sich vor allem nach dem zweiten Weltkrieg eine Gruppe von Neurologen und Neurochirurgen intensiv mit der Behandlung Hirnverletzter auseinander. Sie gründeten 1948 die Arbeitsgemeinschaft für Hirntraumafragen, die sich später in Gesellschaft für Hirntraumatologie und klinische Hirnpathologie umbenannte. Anfang der 80er Jahre wurde daraus schließlich die Deutsche Gesellschaft für Neurotraumatologie und Klinische Neuropsychologie.

Richard Jung führte Forscher verschiedener Fachrichtungen in Freiburg i.Br. bereits 1951 in einer Abteilung für Klinische Neurophysiologie zusammen. In Folge übernahmen viele Mitarbeiter und Doktoranden Jungs wichtige neurologische Forschungsabteilungen und Lehrstühle in Deutschland.

Während Jungs Hauptaugenmerk noch den grundlegenden sensorischen und motorischen Funktionen galt, beschäftigten sich seine Schüler bereits mit neuropsychologischen Fragestellungen, mit den grundlegenden sensorischen und motorischen Funktionen, aber auch mit Beiträgen auf dem Gebiet der Agnosie-, Apraxie- und vor allem der Aphasieforschung.

1952 eröffnete dann Friedrich Schmiederer in Gailingen eine Rehabilitationsklinik für Hirngeschädigte, in der versucht wurde, die Folgen von Hirnschädigungen kausal durch so genanntes cerebrales Funktionstraining zu therapieren. Dieses Zentrum hatte Vorbildwirkung für die immer größer werdende Zahl der Rehabilitationszentren für cerebral geschädigte Patienten.

In den 60-er Jahren wurden dann die ersten Professuren mit neuropsychologischen Schwerpunkten eingerichtet.

Der Beginn der neuropsychologischen Forschung ist vor allem mit den Wiener Neuropsychiatern Otto Pötzl, Hans Hoff und Ilse und Karl Gloning verbunden. Diese Wiener Schule beschäftigte sich vor allem mit der Lokalisation höherer Funktionen, ergänzte diese jedoch durch dynamische Gesichtspunkte. Seit den 60er Jahren, und dann besonders seit Giselher Guttmann beinhalten die – vor allem Wiener - Beiträge zur Neuropsychologie auch zunehmend Ergebnisse und statistische Vergleiche auf der Basis von Tests einer größeren Anzahl von Patienten.

Alle diese deutschsprachigen Forschungsgruppen arbeiteten – zumindest lose – mit dem Internationalen Neuropsychologischen Symposium zusammen. Dieses spielte dann auch eine zentrale Rolle bei der Entwicklung der Neuropsychologie in der Schweiz.

Der Durchbruch einer interdisziplinären Neuropsychologie auf dem Europäischen Kontinent und die damit entstehende gleichgewichtige Partnerschaft mit den angelsächsischen Neuropsychologen ist verbunden mit Henry Hécaen und seiner Idee des o.a. International Neuropsychological Symposium.

Dieses Symposium entstand aus den Kontakten zwischen den verschiedenen europäischen und angelsächsischen Forschern mit dem Ziel der Förderung der Erforschung von Gehirnfunktionen und den Fragen im Grenzbereich zwischen Neurologie, Psychologie und Psychiatrie. Das Besondere an dieser Gruppe war, dass man nur auf Einladung Mitglied werden konnte, und dass es zuerst weder einen Namen, noch eine Satzung oder sonst irgendwelche festgeschriebenen Regeln gab. Die Gruppe gab aber den Impuls zu einer echten interdisziplinären Kooperation.

Ein weiterer wichtiger Schritt in Richtung einer internationalen Verbreitung der Neuropsychologie war die Gründung der Zeitschrift Neuropsychologia im Jahre 1963, das erste ausschließlich dem Gebiet der Neuropsychologie gewidmete Publikationsorgan. Viele andere folgten.

Durch die nun immer rasanter werdende Entwicklung der Neuropsychologie wurde auch das Interesse an öffentlich zugänglichen Foren immer stärker, 1965 entstand in Europa die European Brain and Behaviour Society – EBBS und einige Jahre später in den USA die International Neuropsychological Society – INS.

Die letzten zwei Jahrzehnte waren gekennzeichnet durch Professionalisierung. In Deutschland gibt es z.Z. über 150 Rehabilitationseinrichtungen für Hirngeschädigte, in denen eine neuropsychologische Grundversorgung gewährleistet ist. Daneben wurden Tageskliniken und Modelleinrichtungen unter verschiedenen Trägerschaften eingerichtet.

Eine parallele Entwicklung fand auch in Österreich statt. Während es vor 20 Jahren nur wenige Einrichtungen wie das Rehabilitationszentrum Meidling der Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt gab, das sich auch speziell mit der neuropsychologischen Rehabilitation gehirngeschädigter Patienten beschäftigte – wobei dem Aufbau der neuropsychologische Diagnostik und des cerebralen Funktionstrainings Ernst Hofer, dem früheren Präsidenten des Berufsverbandes Österreichischer Psychologen, großer Verdienst zukommt – gibt es nun auch in Österreich eine große Anzahl spezieller Einrichtungen, die neuropsycholo­gische Behandlung durch klinische Psychologen sicherstellen. Zuletzt wurden in Österreich die Frührehabilitationseinrichtungen erweitert und damit neuro­psychologisches Neuland betreten. Während bei Unfallopfern die Versorgung heute als bereits relativ gut angesehen werden kann, ist die Versorgung von Patienten mit cerebralen Erkrankungen schon deutlich schlechter. Auch ist bei relativ guter stationärer Versorgung die nachstationäre Behandlung bzw. Betreuung – vor allem im niedergelassenen Bereich - noch eher schlecht.

Durch die in den letzten Jahren eher rasanten Verbreiterung der Neuropsychologie rückt zuletzt eine entsprechende Qualitätssicherung in den Vordergrund.

Dies trifft besonders auf die Kommerzialisierung der verschiedenen Untersuchungsverfahren zu. Probleme entstehen hier durch die oft unsach­gemäße und unkritische Anwendung von neuropsychologischen Test- und Trainings­materialien oder durch die Entwicklung und dem kommerziellen Vertrieb von Kurztests oder Trainingsmaterialien unter Vortäuschung wissen­schaftlicher Gewähr.

Neben der Kontrolle der Gütekriterien von Test- oder Therapiematerial ist für eine positive Zukunftsentwicklung vor allem auch die Sicherstellung einer qualitativ hochwertigen Ausbildung sowie Fort- und Weiterbildung notwendig.

Im deutschsprachigen Raum hat die Gesellschaft für Neuropsychologie – GNP – die Vorreiterrolle übernommen. Die Tatsache, dass in die 1982 aus der Gesellschaft für Hirntraumatologie und Klinische Hirnpathologie entstandene Deutsche Gesellschaft für Neurotraumatologie und Klinische Neuropsychologie – DGNKN – bis 1984 nur Ärzten als ordentliche Mitglieder offen stand, begünstigte 1986 die Entstehung der GNP. Die GNP wuchs sehr schnell. In verschiedenen Arbeitskreisen wurden nicht nur Methoden für neuropsychologische Diagnostik und Therapie entwickelt, getestet und verbreitet, sondern auch der Aus-, Fort- und Weiterbildung breiter Raum gewidmet.